Viel Neues aus der Vergangenheit

Stadtarchiv Winsen (Luhe). Alle Rechte vorbehalten.

Die Lokalgeschichte liege nicht im Fokus der universitären Forschung, stellte Prof. Rolf Wiese vom gastgebenden Museum im Marstall bei der Eröffnung der diesjährigen Tagung der Heimatforscher im Landkreis Harburg1 fest. Trotz dieses Mangels an Aufmerksamkeit gibt es zahlreiche neue Erkenntnisse zur Geschichte des Landkreises Harburg. Erfreut berichtete Prof. Wiese, dass auch in diesem Jahr mehr Beiträge für das im November erscheinende Historische Jahrbuch für den Landkreis Harburg eingereicht wurden, als veröffentlicht werden können.2
In ihrem einleitenden Vortrag berichtete Ilona Johannsen vom Museum im Marstall über die Geschichte der Heimatforscher-Tagung. Diese sei zum ersten Mal 1951 im Helms-Museum in Harburg zusammengekommen – nachdem sich im Jahr zuvor einige Heimatforscher im Haus des Landwirts Heinrich Behr in Stelle versammelt hatten.
Eine Folge dieser verdichteten Forschungsarbeit war, dass in den nächsten Jahren im Landkreis mehrere Heimatstuben und Museen gegründet wurden: zum Beispiel die Heimatstube auf dem Hof Behr in Stelle (heute: Dorfmuseum Stelle) und 1968 das Museum in Winsen, zunächst im Haus St. Georg und dann ab 1998 im Marstall.
Doch der Gedanke ein Museum in Winsen zu errichten war schon älter: Erstmals ist er im Jahr 1914 aufgekommen, jedoch wegen des Ersten Weltkrieges nicht weiter verfolgt worden. Nach dem Krieg kam der Gedanke erneut auf, als die Winsener 1929 nach dem Umzug des Finanzamtes in den Neubau am Von-Somnitz-Ring eine neue Verwendung für das alte Rathaus suchten. Doch auch diesmal scheiterten die Pläne: Die Winsener entschieden sich für den Abriss des alten Rathauses – um Platz für den damals noch kaum vorhandenen Autoverkehr zu schaffen.
Eine kleine lokalgeschichtliche Ausstellung wurde in den 1950er Jahren in der Villa Eppen, damals Haus der Jugend, aufgebaut. Das passte sehr gut zu der Tatsache, dass die Heimatforschung lange Zeit von Lehrern geprägt wurde, deren Hauptantrieb es war, der Jugend einen Zugang zur Geschichte ihrer Umgebung zu vermitteln.

Im aus Winsener Sicht zentralen Vortrag lüftete Dr. Bernd Adam aus Garbsen einige Rätsel um die Baugeschichte des Marstalls. Bei dessen Umbau Ende der 1980er Jahre seien einige Mauerfragmente gefunden worden, für die die Archäologen keine passende Erklärung parat hatten. Sie folgerten: Der Marstall sei womöglich ursprünglich kleiner gewesen – und erst später, zu einem nicht mehr zu ermittelnden Zeitpunkt, angebaut bzw. zu seiner heutigen Größe erweitert worden.3 Dies könnte auch der bekannte Merian-Stich der Stadt Winsen aus dem Jahr 1654 nahe legen, da der dort abgebildete Marstall eine geringere Gefächerzahl aufweist als das heutige Gebäude.
Diese Vermutungen konnte Dr. Adam nun durch seine bauhistorische Untersuchung widerlegen: Der Marstall ist mit großer Wahrscheinlichkeit bereits im Jahr 1599 in der heutigen Größe errichtet worden. Darauf deutet schon hin, dass die einzelnen Hölzer durchgängig von I-XXX mit Abbindezeichen durchnummeriert sind.
Die rätselhaften Mauerbefunde rühren – so Dr. Adam – daher, dass auf der zur Stadt hin gelegenen Ostseite des Gebäudes ursprünglich einige (beheizte) Stuben lagen, die den Stallknechten und anderem Personal als Unterkunft dienten. Diese Stuben waren auf einer leichten Erhöhung errichtet worden, um sie vor dem feuchten Baugrund zu schützen.4 Dies könnte auch die massive (und nicht in Fachwerk-Bauweise) ausgeführte stadtseitige Giebelwand erklären: Denn ein Ofen muss an einer gemauerten Wand errichtet werden.5
Davon abgesehen waren Stallungen mit Platz für bis zu 60 Pferde (und die zugehörigen Mitarbeiter) auch für den Haushalt der Herzogin Dorothea nicht zu groß: Zwar dürfte die Herzogin selbst deutlich weniger Pferde gehalten haben, gleichzeitig gehörte es damals zum guten Ton Besuch auf dem Schloss unterbringen zu können – und natürlich auch dessen Pferde.
Die verkleinerte Abbildung auf dem Merian-Stich dürfte daher rühren, dass es Merian bei seinen Stichen nicht die fotografische Genauigkeit wichtig war, sondern die Wiedererkennbarkeit markanter Gebäude. Deswegen habe er auch die Südseite des Schlosses und den Westgiebel der Marienkirche abgebildet, obwohl ein Betrachter sie in der gewählten Perspektive gar nicht gleichzeitig sehen kann.
Im Laufe der Jahrhunderte ist der Marstall dann an wechselnde Bedürfnisse angepasst worden: Im späten 18. Jahrhundert sind z.B. die großen Tore auf der zum Schlossplatz hin gelegenen Nordseite eingebaut worden, die die Gestalt des Gebäudes heute prägen. Zuvor war das Gebäude von den Giebelseiten her erschlossen worden und hatte lediglich kleinere Türen auf der Nordseite.
Der Einbau der großen Tore wurde notwendig, weil der Marstall ab 1799 als Magazingebäude des Amtes genutzt wurde – und z.B. dessen Feuerspritze hier untergebracht war und Baumaterialien gelagert wurden. Um diese Zeit wurden die oberen Etagen als Getreidemagazin benutzt und die Stützen eingezogen, die im Inneren des Gebäudes noch zu sehen sind – auch wenn bei den Umbauarbeiten in den 1980er Jahren einige versetzt bzw. anders zusammengesetzt worden sind.
Danach war der Marstall seit 1848 an die Papierfabrik Eppen und später – erneut als Getreidelager – an den Betreiber der Wassermühle vermietet, teilweise auch an die im Nachbarhaus ansässige Druckerei Ravens.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte der Städtische Bauhof das Gebäude – und hinterließ an einigen Ständern Farbreste von der Pinselreinigung. Mit dem Umbau der 1980er Jahre erhielt das Gebäude seine heutige Gestalt, die durch eine Längsteilung des Gebäudes in Bücherei und Museum geprägt ist.

Prof. Norbert Fischer aus Hamburg berichtete über nicht realisierte Wasserbauprojekte an der Seeve und in der Vogtei Neuland:6 Einleitend wies er dabei auf den Bedeutungswandel von Landschaften über die Jahrhunderte hin; so sei Strand zum Beispiel bis zum Aufkommen des Massentourismus eine relativ wertlose Landschaft gewesen.
Auch bei der Vogtei Neuland handelte es sich lange Zeit um eine recht schwer zu nutzende Landschaft, die erst durch Eindeichung und mechanische Entwässerung landwirtschaftlich nutzbar wurde. Denn zuvor standen die Marschen oft lange Zeit des Jahres unter Wasser – und selbst der Bau von Sommerdeichen half nur begrenzt: Der sandige Boden führte dazu, dass das Wasser unter dem Deich hindurch in die Polderfläche gedrückt wurde und nur schwer wieder abzuleiten war. Abhilfe schaffte erst der Bau des Kaiser-Wilhelm-Schöpfwerks in Hoopte im späten 19. Jahrhundert.
Größere Deichbauprojekte hatte es bereits in den 1850er Jahren gegeben. Doch mussten diese bis zur Gründung der Deichverbände privat finanziert werden – und immer wieder traten Sturmfluten auf, die die dazu führten dass die einzelnen Deichbau-Verpflichteten alle Hände voll hatten, um ihre Deichkabel überhaupt in Stand zu halten. Erst als die Deichverbände diese Aufgaben übernahmen und zentralisierten, wurden größere Deichbauprojekte möglich.
Gleichzeitig wurden ursprünglich vor allem Sommerdeiche errichtet, da eine winterliche Überflutung den positiven Effekt mit sich brachten, die Felder zu düngen.
Bis zur Errichtung einer geschlossenen Elbdeichlinie sollte allerdings noch ein gutes Jahrhundert vergehen: Erst 1962 wurde die Deichlinie durch die Errichtung des Seeve-Siels geschlossen.
In einem weiteren Vortrag widmete sich Katrin Lembke aus Seevetal den Turmuhren der Firma Weule und der Sanierung der Maschener Schuluhr von 1904.7 Die Firma Weule aus Bockenem war seinerzeit führend beim Bau von Turm- und anderen großen Uhren, z.B. an Rathäusern, Gutshäusern oder Schulen. Ihr großer Vorzug: Die Gangreserve der Uhren war so groß, dass sie nur einmal in der Woche aufgezogen werden mussten.
Im 19. Jahrhundert, als Taschenuhren ein besonderer Luxus waren, brachten öffentliche Uhren die Zeit zu den Menschen und förderten ein neues Verständnis von Zeit – nämlich, dass sie das ist, was von der Uhr abgelesen wird.8 Doch Lembke ging in ihrem Vortrag weniger auf die Rolle öffentlicher Uhren in diesem Prozess ein, sondern lieferte stattdessen eine Reihe von Beispielen für solche Uhren: Die Winsener Rathausuhr z.B. ist eine Weule-Uhr, die bis heute mechanisch betrieben wird und zudem noch die Besonderheit eines gläsernen Ziffernblattes aufweist.
Auch die Schule in Maschen hatte 1904 eine Weule-Uhr beschafft, da der Ort weder eine Kirche noch ein Spritzenhaus besaß, an dem eine öffentliche Uhr hätte angebracht werden können. Anschaulich berichtete Lembke, wie die in den 1960er Jahren aus dem Schulhaus ausgebaute Uhr im Keller des Maschener Dorfhauses gefunden, anschließend saniert und schließlich in der Pausenhalle der neuen Maschener Grundschule wieder in Betrieb genommen wurde – sehr zur Freude der Schüler:innen.

In seinem Kurzbericht teilte Dr. Jürgen Klahn aus Winsen mit, dass sein neues Buch über die Beziehungen der Stadt und des Amtes Winsen kurz vor der Veröffentlichung stehe und voraussichtlich noch in diesem Jahr erscheinen werde.9 Darin wird er darlegen, wie der Landesherr im Laufe des 16. Jahrhunderts immer mehr Kompetenzen von der Stadt auf das Amt überleitete und zu welchen Reibereien dies zwischen städtischer Bürgerschaft und den Amtsvorstehern führte.
Außerdem berichtete Claas-Tido Mundhenke aus Winsen über seine Sichtung des Firmenarchivs des Mühlenbau-Betriebes Pätzmann in Winsen, Arndt-Hinrich Ernst aus Seevetal über aktuelle Forschungen im Gemeindearchiv Seevetal und der bevorstehenden Veröffentlichung eines Buches über das Bild der Heidelandschaften im Lauf der Zeit und Wilhelm Westermann über ein Projekt zur Digitalisierung des Bestandes an Flurnamen.
Den Abschluss der Tagung bildete ein Vortrag von Hans-Dieter Müller aus Salzhausen über die Entwicklung der Landwirtschaft in der Lüneburger Heide. Dabei berichtete er, dass erst um 1840 überhaupt Gemeindegrenzen erfasst und erste Flurbereinigungen durchgeführt wurden. Dies war mit komplizierten Berechnungen verbunden, da der Wert des getauschten Landes möglichst genau ermittelt werden sollte.
Seit den 1830er Jahren begann mit der Einführung von Düngemitteln die Effizienz der Betriebe zu steigen. Gleichzeit nahm ab etwa dem Jahr 1870 die Zahl der Betriebe ab, ihre Größe nahm jedoch stetig zu. Beide Tendenzen setzen sich bis heute fort.
Das bis heute in vielen Winsener Ortsteilen veranstaltete Bauernrechnen verdankt seinen Namen übrigens der Tatsache, dass die Bauern früher einmal im Jahr zusammenkamen, um abzurechnen wie viel Gras ihre Rinder an den Wegrändern gefressen hatten.

Das Bild zu diesem Beitrag stammt aus dem Stadtarchiv Winsen (Luhe). Es handelt sich dabei um eine Postkarte aus den 1930er Jahren, die nach 1933 geschrieben wurde.

1 Die Tagung der Heimatforscher 2024 im Landkreis Harburg hat im Museum im Marstall in Winsen (Luhe) am 28.09.2024 stattgefunden.

2 Das Historische Jahrbuch für den Landkreis Harburg 2025 ist im November erschienen und im Museum im Marstall erhältlich; eine Besprechung in diesem Blog folgt.

3 Vgl. Wulf Thieme: Archäologische Beobachtungen im Marstall, in: Stadt Winsen (Luhe) – Der Stadtdirektor (Hrsg.): Der Marstall in Winsen (Luhe), 1989, S. 12-14.

4 Dies legen zusätzlich alte Inventar-Verzeichnisse des Schlosses nahe, in denen bis ins 18. Jahrhundert zwei (beheizten) Stuben im Marstall aufgeführt werden.

5 Gleichzeitig muss dieser Befund nicht bedeuten, dass nicht auch Repräsentationsbedürfnisse einer Rolle gespielt haben könnten: Wenn schon eine steinerne Wand errichtet werden musste, dann lag es nah diese auch zur (öffentlich sichtbaren) Stadtseite hin zu errichten – und den parkseitigen Giebel bescheidener auszuführen.

6 Mit Deichbauprojekten auf der anderen Seite der Vogtei Neuland befasst Prof. Fischer sich in: Sturmfluten, Uferschutz und Entwässerungsprojekte im 19. Jahrhundert in der Vogtei Neuland (Amt Winsen/Luhe); in: Heimat- und Museumsverein in Winsen (Luhe) und Umgebung e.V. (Hrsg.): Historisches Jahrbuch für den Landkreis Harburg, 1. Jahrgang (2024), Winsen (Luhe) 2023, S. 17-30.

7 Vgl. Kathrin Lembke: Als Weule-Turmuhren aus dem Harzvorland in der Nordheide den Takt der Zeit vorgaben; in: Heimat- und Museumsverein in Winsen (Luhe) und Umgebung e.V. (Hrsg.): Historisches Jahrbuch für den Landkreis Harburg, 2. Jahrgang (2025), Winsen (Luhe) 2024, S. 67-78.

8 Vgl. Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800-1866 – Bürgerwelt und starker Staat, München 1983, S. 227f.

9 Eine Besprechung des Buches von Dr. Klahn folgt in diesem Blog, voraussichtlich im kommenden Jahr.