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Museum im Marstall. Alle Rechte vorbehalten.

Zwischen Glanz und Alltag: Das herzogliche Winsen
Ausstellung im Museum im Marstall, Winsen (Luhe),
vom 6. April bis 9. November 2025.

Der erste Gedanke, wenn vom „herzoglichen Winsen“ die Rede ist, dürfte bei vielen Herzogin Dorothea gelten. Als Witwe des Herzogs verwaltete sie das Amt Winsen und residierte von 1593 bis zu ihrem Tod 1617 im Winsener Schloss; bis heute gelten diese knapp 25 Jahre als Blütezeit der Stadt.1
Doch das Museum im Marstall zeigt gleich zu Beginn seiner Ausstellung Zwischen Glanz und Alltag: Das herzogliche Winsen, dass bereits vor Dorothea einige Herzöge zeitweise auf dem Schloss residierten und mit der Stadt verbunden waren.
Zum Beispiel baute Herzog Otto II. (genannt: der Strenge, reg. 1277-1330) das Winsener Schloss um und behielt es auch, nachdem er den größten Teil seiner Schlösser an seine Söhne übergeben hatte. Herzog Bernhard I. (reg. 1388-1434) hielt sich öfter und längere Zeit in Winsen auf. Später lebte Herzog Friedrich II. (genannt: der Fromme, reg. 1434-1457) eine Zeit auf dem Schloss und sein ältester Sohn wurde in Winsen getauft. Als dieser alt genug war, verzichtete Friedrich auf den Thron und zog sich in ein Kloster zurück. Nach dem Tod seines Sohnes Herzog Otto V. (genannt: der Siegreiche, reg. 1464-1471) übernahm er bis zu seinem eigenen Tod (im Jahr 1478) die Regenschaft für seinen minderjährigen Enkel Herzog Heinrich I. (genannt: der Mittlere, reg. 1471-1520). Für ihn wählte er zunächst das Winsener Schloss als Residenz.
Heinrich der Mittlere – er war bereits im Alter von drei Jahren zum Herzog geworden – verbrachte einen Teil seiner Jugend in Winsen und scheint auch später der Stadt verbunden geblieben zu sein, wie nicht zuletzt Bautätigkeiten am Winsener Schloss zeigen: Seine Frau Margarethe von Sachsen ließ 1496 die Schlosskapelle errichten.2
Dass Heinrich der Mittlere in der Stadtgeschichte bisher wenig Beachtung gefunden hat, mag daran liegen, dass er ein entschiedener Gegner der Reformation war. Im Jahr 1520 wurde er mit der Reichsacht belegt, musste abdanken und ins Exil nach Frankreich fliehen. Später konnte der entthronte Herzog zwar zurückkehren und hielt sich auch zeitweise in Winsen auf, doch er hing weiterhin dem alten Glauben an und versuchte die von seinen inzwischen regierenden Söhnen eingeführte Reformation rückgängig zu machen.3
Die Heimatforscher:innen des 19. und 20. Jahrhunderts – unter ihnen Pastoren und entschiedene Protestant:innen – dürfte die Verbindung dieses Herzogs mit der Stadt ein wenig peinlich berührt haben; und deswegen haben sie zum Beispiel den Bau der Schlosskapelle auf schmaler Faktenbasis der Protestantin Dorothea zugeschrieben.

Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Fotosammlung. Alle Rechte vorbehalten.

Als Herzogin Dorothea 1593 mit ihren vier jüngsten Töchtern in Winsen eintraf, war sie mit dem Zustand ihres Witwensitzes ganz und gar nicht zufrieden. In den folgenden Jahren ließ sie das Schloss renovieren und an ihre Bedürfnisse anpassen. Doch die Mittel der Herzogenwitwe waren begrenzt – und ihre am Celler Hof lebenden Söhne waren trotz ihrer Beschwerden wenig geneigt diese aufzustocken.
Wie verzweifelt die finanzielle Lage des Herzogtums war, kann man daraus ersehen, dass ihre Söhne entschieden: Nur einer von ihnen sollte legitime Nachkommen zeugen, um eine erneute Teilung des angeschlagenen Herzogtums zu verhindern. Die Wahl fiel auf Georg (Herzog von Calenberg, reg. 1634-1641). Sein Enkel wurde 1714 als Georg I. zum König von Großbritannien gekrönt–und begründete die bis 1837 bestehende Personalunion mit dem Vereinigten Königreich.
Die Herzogin hatte während der Krankheit ihres Mannes einige Jahre die Verwaltung des Herzogtums geleitet – und genauso energisch begann sie, sich um das ihr gehörende Amt zu kümmern.4 Sie förderte Handel und Handwerk. Durch kluge und sparsame Verwaltung scheint sie ihre Finanzen konsolidiert zu haben – denn ihr Nachlass bestand neben zahlreichen Büchern (die Ausstellung zeigt unter anderem ihr Original-Gebetbuch) und einer Uhrensammlung auch aus gut 8.000 Talern in bar.5
Die Herzogin war wohltätig und unterstützte Arme und Hilfsbedürftige. Sie verteilte zu Weihnachten Süßigkeiten an die Kinder, stiftete einen Preis für den Schützenkönig und unterstützte die Stadt bei der Wiedererrichtung des abgebrannten Kirchturmes.
Gleichzeitig scheint Dorothea eine stolze und selbstbewusste Frau gewesen zu sein. Wenn sie sich in ihren Rechten oder ihrer Würde gekränkt wähnte, scheute sie nicht vor entschlossenen Maßnahmen zurück;6 diese Hartnäckigkeit in Konflikten war es, die den Bleckeder Amtmann Fritz von dem Berge veranlasst haben dürfte, sie als „bitterböses Weib“7 zu bezeichnen.
Auch die Rechtspflege scheint Dorothea ihren Beamten nur ungern überlassen zu haben. Für besondere Milde war sie nicht bekannt. Die Folter ließ sie – den damaligen Regeln entsprechend – anwenden.8
Einen eigenen Abschnitt widmet die Ausstellung den 43 Hexenprozessen die zur Zeit Dorotheas durchgeführt wurden. Zwar ließ sich die Herzogin bei Gericht und der Folter der Angeklagten (fast ausschließlich Frauen) durch ihren Sekretär vertreten, doch scheint es sehr unwahrscheinlich, dass sie über den Fortgang der Prozesse nicht im Bilde war.
Ob Dorothea in irgendeinem Sinne in diese Prozesse eingegriffen hat, ergibt sich aus den vorliegenden Quellen nicht. Doch vielleicht ist diese Frage schon zu modern: Als tief gläubiger Menschen der Frühen Neuzeit war Hexerei für Dorothea womöglich ein ebenso reales Verbrechen wie Mord oder Raub. Nimmt man das als gegeben an, so gab es für die Herzogin keinen Grund, sich dem in den Weg zu stellen, was sie für den Lauf der Gerechtigkeit hielt. Dass Menschen im 21. Jahrhundert hier eine ganz andere Position einnehmen könnten, hätte sie vermutlich für abwegig gehalten.

Das Schloss war nicht nur eine Residenz der Herzöge, sondern auch ein Wirtschaftsbetrieb. Dazu gehörte ein Vorwerk, das als landwirtschaftlicher Gutshof der Versorgung des Schlosses diente. Das erste Vorwerk war 1543 dem Hauptmann Johann Haselhost als erbliches Lehen gegeben worden, so dass die Herzöge wenig später ein neues Vorwerk errichten mussten. Dieses lag außerhalb der Stadtmauer, etwa dort wo sich heute das Finanzamt befindet. An dieser Stelle wird es auch 1785 noch im Stadtplan verzeichnet, nun unter dem Namen „Hausvogtei.“
Zu den weiteren Wirtschaftsgebäuden gehörten ein Brau- und ein Backhaus sowie die herzogliche Wassermühle und (zeitweise) die Münze. Außerdem der auf der Luhe-Insel gelegene Klosterhof, der zunächst um 1550 als Wohnung für den Amtmann errichtet worden war und später als Wohnung des Amtsschreibers diente.
Auch der Marstall gehört in die Reihe dieser Nebengebäude: Er wurde 1599 im Auftrag von Herzogin Dorothea errichtet, um Pferde und Kutschen – die eigenen und die ihrer zahlreichen Gäste – unterstellen zu könne; außerdem enthielt er Wohnräume für Kutscher und die für die Pferde verantwortlichen Knechte.9
Neben diesen Knechten gehörten zum herzoglichen Haushalt eine Reihe von Bediensteten, die vom einfachen Hauspersonal bis zu Verwaltungsmitarbeitern reichten, die selbst wieder Personal beschäftigten.10

Nach dem Tod von Herzogin Dorothea wurde das Schloss nicht mehr als Residenz genutzt. Zwar wurde es noch bis ins 18. Jahrhundert hinein nicht vom Amt, sondern von der Kanzlei in Celle verwaltet, doch war es längst ein Verwaltungsgebäude geworden.
Im 30-jährigen Krieg wohnte der katholische Oberbefehlshaber Graf von Tilly einige Zeit mit großem Gefolge auf dem Winsener Schloss und erholte sich dort von einer Verwundung, die er 1627 erlitten hatte. Für die Winsener dürfte das eine zweifelhafte Ehre gewesen sein: Denn sie waren verpflichtet, die Truppen und Pferden des Grafen und seines Gefolges unterzubringen und zu versorgen – auf eigene Kosten natürlich. Das Gefolge Tillys verließ die Stadt erst nach vier Jahren.
Abgesehen von dieser Episode waren es die herzoglichen Amtmänner, die im Schloss das Regiment führten. Zwar änderte sich die Struktur der Verwaltung gelegentlich und im 17. Jahrhundert wurden die Ämter Winsen, Harburg und Moisburg einem Oberhauptmann (später: Landdrosten) in Harburg (später in Lüneburg) unterstellt. Doch das änderte wenig an der Struktur und den Zuständigkeiten des Amtes. Einige Jahre nachdem das Königreich Hannover 1866 zu Preußen gekommen war, wurde das Amt in Kreis umbenannt und der Amtmann wurde zum Landrat. Im Jahr 1932 wurde der Kreis Winsen aufgelöst und mit dem Landkreis Harburg zusammengelegt. Winsen verlor den Kreissitz und das Schloss stand zunächst einige Zeit leer. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sollte es wieder Sitz der Kreisverwaltung werden und nach dem Neubau des Kreishauses im Schlosspark blieb nur das Amtsgericht im Schloss zurück, das seitdem das ganze Gebäude nutzt.11
Mit seiner Ausstellung beleuchtet das Museum im Marstall einen Teil der Winsener Stadtgeschichte, der in der jüngeren Forschung einige Beachtung gefunden hat und vor allem durch die Arbeiten von Dr. Jürgen Klahn quellenbasiert erschlossen wurde.12 Gleichzeitig werden neue Erkenntnisse aus der Baugeschichte des Schlosses und des Marstalls einbezogen. Damit zeigt die Ausstellung ein genaueres Bild der Zeit vor Herzogin Dorothea und gibt damit Anlass ihr Wirken in Winsen neu zu bewerten.

Das erste Bild zu diesem Beitrag stammt aus dem Museum im Marstall in Winsen (Luhe). Es zeigt ein nach der Lüneburger Bilderchronik gestaltetes Porträt der Herzogin Dorothea, das in der Schlosskapelle hängt. Das zweite Bild stammt aus der Fotosammlung des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege. Es zeigt Herzog Heinrich den Mittleren, wie er auf seinem Grabstein im Klostern Wienhausen abgebildet ist.

1 Vgl. Günther Hagen: Geschichte der Stadt Winsen an der Luhe, 2. Auflage, Winsen (Luhe) 1990, S. 61.

2 Spurensuche im Schlossturm, Stadtgeschichte(n) Nr. 3 vom 13.09.2025, https://stadtgeschichten-winsen.de/003-adam-schlossturm/.

3 Mehr zum Wirken Heinrichs des Mittleren im Sinne der Gegenreformation findet sich bei Jürgen Klahn: Die lutherische Reformation in Winsen an der Luhe (1526-1530), Winsen (Luhe) 2016.

4 Vgl. Dieter Brosius: Herzogin Dorothea, Kopenhagen – Celle – Winsen (Luhe) (1546-1617), Winsen (Luhe) 1990, S. 24f.

5 Vgl. Brosius: Herzogin Dorothea, S. 43f.

6 Vgl. Brosius: Herzogin Dorothea, S. 24, zu ihren Streitigkeiten: S. 25-29.

7 Zitiert nach: Brosius: Herzogin Dorothea, S. 29.

8 Vgl. Brosius: Herzogin Dorothea, S. 29.

9 Zur Baugeschichte des Marstalls hat Dr. Adam bei der Heimatforscher-Tagung am 28.09.2024 einen Vortrag gehalten; ein Tagungsbericht siehe: Viel Neues aus der Vergangenheit, Stadtgeschichte(n) Nr. 1 vom 13.12.2024, www.stadtgeschichten-winsen.de/001-heimatforscher-tagung-2024/.

10 Es ist vermutlich nicht ganz einfach, sich heute vorzustellen welche Menge an Personal erforderlich ist, einen herrschaftlichen Haushalt zu versorgen. Einen ganz guten visuellen Eindruck (allerdings aus dem 19. Jahrhundert) dürften die ersten Szenen der TV-Serie Downton Abbey (Staffel 1, Folge 1) geben: Noch bevor der Lord und seine Familie sich zum Frühstück setzen, wirbeln zahlreiche Bedienstete durchs Haus.

11 Außerdem nutzen die Stadt Winsen und das Museum im Marstall die Schlosskapelle für Veranstaltungen; das Museum unterhält im Turm eine Ausstellung zu Reformation und Glaubenskrieg.

12 Eine Besprechung seines jüngsten Buches Streitigkeiten zwischen der Stadt und dem Amt Winsen (Luhe) 1600-1750, siehe: Konflikte um Stadtgericht und Stadtkasse, Stadtgeschichte(n) Nr. 2 vom 25.05.2025, www.stadtgeschichten-winsen.de/002-klahn-streitigkeiten/.