Spurensuche im Schlossturm

Stadtarchiv Winsen (Luhe). Alle Rechte vorbehalten.

Neue Erkenntnisse zum Winsener Schlossturm
Vortrag von Bernd Adam
im Museum im Marstall, Winsen (Luhe) am 18.05.2025.

Das Winsener Schloss soll seine heutige Gestalt um die Wende zum 17. Jahrhundert erhalten haben, als Herzogin Dorothea ihren baufälligen Witwensitz renovieren und nach ihren Vorstellungen umgestalten ließ. Bisher ging man davon aus, dass sie die Vorderfront des Gebäudes neu geordnet habe: Die eifrige Protestantin ließ das Schlosstor aus dem Turm nach rechts (an seinen heutigen Platz) verlegen und an dessen Stelle eine Kapelle einbauen.1
Zwar erwähnen viele Autoren diese Umbauten in ihren Arbeiten, doch eine verlässliche Quelle nennen sie nicht.2 Später vermutet Hellmut Büttner, dass ein Brief der Herzogin als Quelle herangezogen worden sei – doch vom Bau einer Kapelle schrieb die Herzogin nichts.3
Erste Zweifel an dieser Behauptung ergaben bereits die bauhistorischen Untersuchungen der Arbeitsgemeinschaft Altstadt um den Architekten Dieter Haupt in den Jahren von 1988 bis 2015; diese fasste Büttner in einem Aufsatz zusammen.4 Gleichzeitig wollten sich Haupt und seine Kollegen anscheinend nicht festlegen, denn sie fertigten auch Zeichnungen an, die zeigen, wie der Eingangsbereich im Turm ausgesehen haben könnte.
Nach seiner neuen bauhistorischen Untersuchung des Schlossturmes während dessen jüngster Sanierung (in den Jahren 2021/22) kann Bernd Adam nun mit neuen Erkenntnissen zu beiden und weiteren Fragen aufwarten, die er bei seinem Vortrag Neue Erkenntnisse zum Winsener Schlossturmim Museum im Marstall in Winsen präsentiert hat.

Bei seiner Untersuchung hat Adam mehrere große Balken in den Zwischendecken des Turm auf das Jahr 1380 datieren können. Die Größe und Lage dieser Balken lässt es unwahrscheinlich erscheinen, dass sie zuvor an anderer Stelle verwendet worden seien. Daher geht er davon aus, dass der Turm etwa im Jahr 1383 errichtet worden sei.
In der heutigen Kapelle fand Adam bei seiner Untersuchung Aufnahmepunkte für eine weitere Zwischendecke , so dass der Schluss naheliegt, dass sich an der Stelle der heutigen Kapelle früher zwei Geschosse befunden haben. Allerdings dürfte im unteren keine Torhalle gewesen sein.
Zunächst weist Adam darauf hin, dass keine andere Burganlage bekannt ist, bei der der Zugang durch den einzigen bzw. höchsten Turm erfolgt. Dies widerspreche dem Zweck eines Turms, der meistens – wie die Bergfriede mittelalterlicher Burgen – der letzte, besonders gesicherte Rückzugsort für die Verteidiger sei und daher manchmal überhaupt keinen ebenenerdigen Zugang habe.
Zudem sei ein eckiger Turm in zentraler Lage für eine norddeutsche Niederungsburg untypisch, diese habe meistens einen runden Turm in Randlage. Vergleichbare eckige Türme finden sich jedoch auf Neuwerk, in Ritzebüttel und Moorburg; jedoch nicht als Teil einer Burg, sondern als befestigte Orte mit denen die Stadt Hamburg ihren Anspruch auf ihr gehörende Exklaven sichtbar machen wollte.
Diese bauliche Ähnlichkeit könnte den Schluss nahelegen, dass der Winsener Schlossturm zu einem ähnlichen Zweck errichtet worden ist: Denn von 1374 bis 1389 war Winsen von den Herzögen an die Stadt Lüneburg verpfändet.5 Es wäre gut denkbar, dass die Lüneburger den Hamburgern nacheiferten und die seit dem späten 12. Jahrhundert bestehende herzögliche Befestigung nach ihren eigenen Vorstellungen neu erbauten.
Ein Tor weisen die Hamburger Türme jedoch nicht auf, sondern sie haben den Zugang eher in einem oberen Stockwerk, das sich besser verteidigen lässt. Dass der Turm durchaus einen militärischen Zweck hatte, zeigt sich in den oberen Stockwerken: Nicht nur sind dort zahlreiche Schießscharten angelegt, sondern diese sind auch – scheinbar noch während der Bauphase – so umgestaltet worden, dass sie eine gute Auflagefläche für die damals üblichen Schusswaffen liefern.
Ein weiteres, von Adam nicht herangezogenes Argument gegen die These, dass der Eingang durch den Turm erfolgt sein könnte, bietet Büttner an: Der Turm sei unterkellert, was für Toreinfahrten unüblich sei – der heutige Torbereich übrigens nicht.6

Auch den Bau der Kapelle schreibt Adam nicht Herzogin Dorothea zu, sondern Herzogin Margarethe von Sachsen, der Ehefrau Herzogs Heinrich des Mittleren. Diese hatte nämlich selbst berichtet, dass sie im Jahr 1496 im Winsener Schloss eine Kapelle errichtet habe; dazu passend wird in einem Inventar aus dem Jahr 1585 ein ehemaliger Kapellenraum erwähnt.7
Es sei zwar möglich, dass diese Kapelle sich an einem anderen Ort befunden habe, wahrscheinlich sei es jedoch nicht: Zum einen war eine Kapelle ein besonderer Raum, der nicht an jeder beliebigen Stelle ins Gebäude eingebaut werden konnte, zum anderen sind keine Spuren vorhanden, die auf eine Kapelle an einem anderen Ort hindeuten.8
Mit ihrem gotischen Gewölbe und den Spitzbögen passt die Kapelle auch viel besser ins späte 15. Jahrhundert als in die Zeit Dorotheas – denn um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert war die Gotik vollkommen aus der Mode.
Ebenso passt das Rautenmuster im Mauerwerk unter dem Kapellenfenster zum Baujahr 1496: Solche Muster waren vom Deutschen Orden gern zur Verzierung seiner Burgen und Bauwerke verwandt worden. Als der Orden nach seiner Niederlage bei Tannenberg (1410) seine Bautätigkeit einschränken musste, verließen viele Baumeister das Ordensland – und verbreiteten ihre Zierornamente im Laufe des Jahrhunderts über weite Teile Europas.
Die Kapelle scheint schon bald für andere Zwecke benutzt worden zu sein: Laut einem 1546 beim Tod Herzog Ernst des Bekenners gefertigten Inventar wurden im Turm Waffen und Munition gelagert, aus einem weiteren& Inventar aus dem Jahr 1585 ergibt sich, dass der Raum für das Einpökeln und Lagern von Fleisch genutzt wurde.
Scheinbar hat erst Herzogin Dorothea den Raum aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und seiner ursprünglichen Verwendung wieder zugeführt. Womöglich ließ sie auch das Gewölbe mit den heute sichtbaren floralen Ziermustern bemalen. Umfassender scheint Dorothea die Kapelle jedoch nicht umgestaltet zu haben.
Nach dem Tod der Herzogin diente das Schloss als Sitz des Amtmannes – also als Verwaltungsgebäude. Zwar wurde es weiter instand gehalten, doch die Zeit fürstlicher Bewohner und repräsentativer Umbauten war vorbei. Als der Westflügel im 18. Jahrhundert baufällig wurde, riss man ihn kurzerhand ab. Das Schloss bot sowieso viel mehr Platz als die Verwaltung benötigte.
In der Schlosskapelle wurde bald die Registratur des Amtes untergebracht; eine dauerhafte Nutzung für die oberen Geschosse des Turms fand sich dagegen nicht. Zwar dienten sie zeitweise als Taubenschlag, doch blieben sie im Grunde ein Rohbau.

Zum Dreh- und Angelpunkt der Schlossbaugeschichte wurde Herzogin Dorothea vermutlich erst im 19. Jahrhundert, als LandratFriedrich Ecker den Lüneburger Architekt und Bauhistoriker Franz Krüger beauftragte, die Instandsetzung des Schlosses zu überwachen und dabei insbesondere dessen historische Gestalt zu rekonstruieren.
Krügers markantestes Werk war dabei die Errichtung des – bei Merian abgebildeten – Erkers auf der Südseite des Schlosses; auch das Anbringen der Löwen und des Wappens über dem Tor geschah vermutlich erst in dieser Zeit.
Die Schlosskapelle – immer noch als Registratur genutzt – wurde von Ecker wieder als repräsentativer Raum hergerichtet, womit der Landrat der Herzogenwitwe womöglich mehr nacheiferte als er selbst wissen konnte.
Zum Schluss wurde auch das Äußere des Turmes nochmals überarbeitet: Der Dacherker und die Einfassung des Kapellenfensters – bisher im klassizistischen Stil gehalten – erhielten ihre heutige Gestalt. Dabei bediente man sich der Formensprache der Renaissance, wie sie zu Dorotheas Zeit modern war.
Eine Antwort auf die Frage, warum die Herzogin seit dem späten 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle in der Baugeschichte des Schlosses zugeschrieben wird, deutet Adam nur an. Doch sie erscheint einleuchtend: Das späte 19. Jahrhundert war die Zeit des Kulturkampfes und des Ressentiments gegen die katholische Kirche. Keine günstige Zeit, das Andenken an Herzog Heinrichs den Mittleren zu pflegen, der auf Seiten der Gegenreformation engagiert war.
Das Schloss zeigt sich heute im wesentlichen in der Gestaltung, die Krüger und Ecker ihm im frühen 20. Jahrhundert gegeben haben. Es ist immerhin denkbar, dass sie bei ihren Umbauten eine „Hyperrealität“9 geschaffen haben, die allenfalls einen losen Bezug zur realen Vergangenheit hat. Nicht wiederhergestellt wurde interessanterweise die Turmuhr, die Herzogin Dorothea – selbst begeisterte Uhrensammlerin10 – einbauen ließ. Doch eine Uhr passte vermutlich nicht in das romantisierte Bild, dass sich man sich um die Jahrhundertwende von der frühen Neuzeit machte.
Mit ihren Untersuchungen liefern Haupt und Adam neue Erkenntnisse zur Baugeschichte des Winsener Schlosses. Abgesehen von Büttners Arbeiten zum Schloss und seinem Vorwerk bleiben Veröffentlichungen jedoch rar.11 In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass Adam seinen Vortrag möglichst bald in einem Aufsatz zusammenfasst, der auch gut Teil eines Sammelbandes zur Geschichte des Schlosses sein könnte; das wäre eine willkommene Gelegenheit, auch den Beitrag Eckers und Krügers zur heutigen Gestalt des Schlosses zu würdigen.12

Das Bild zu diesem Beitrag stammt aus dem Stadtarchiv Winsen (Luhe). Es handelt sich dabei um eine im Jahr 1910 geschriebene Postkarte.

1 Vgl. Günther Hagen: Geschichte der Stadt Winsen (Luhe), 2. Auflage, Winsen (Luhe) 1990, S. 45-47.

2 Einige Beispiele: Albert Bollmann: Winsen an der Luhe, in: Harburger Kreiskalender – ein Heimatbuch auf das Jahr 1954, Hamburg-Harburg 1953, S. 90. Gottschalk: Landrat Ecker, in: Harburger Kreiskalender – ein Heimatbuch auf das Jahr 1955, Hamburg-Harburg 1954, S. 74. Günther Hagen: Geschichte der Stadt Winsen an der Luhe, Winsen (Luhe) 1978, S. 43; ebenso: 2. Auflage, Winsen (Luhe) 1990, S. 47 und 3. Auflage, Winsen (Luhe) 2007, S. 51f. Jürgen-Peter Ravens: Herzogin Dorothea, in: Heimat- und Museumverein Winsen (Luhe) und Umgebung e.V. (Hrsg.): 750 Jahre St. Marien zu Winsen an der Luhe, Winsen (Luhe) 1983, S. 53. Dieter Brosius: Herzogin Dorothea. Kopenhagen – Celle – Winsen (Luhe) 1546-1617, Winsen (Luhe) 1991. Martin Teske: 700 Jahre Schloß Winsen an der Luhe – eine Jubiläumsschrift, Radbruch 1999. Vielleicht positiv: Sie zitieren sich durchweg nicht gegenseitig.

3 Vgl. Hellmut Büttner: Das Winsener Schloss – neue baugeschichtliche Erkenntnisse, in: Landkreis Harburg (Hrsg.): Kreiskalender ‘99, Hamburg-Harburg 1998, S. 107f.

4 Vgl. Büttner, Kreiskalender ‘99, S. 99-110.

5 Vgl. Hagen: Geschichte, 2. Aufl., S. 24.

6 Vgl. Büttner, Kreiskalender , S. 109.

7 Vgl. Büttner, Kreiskalender, S. 109.

8 Vgl. auch: Büttner, Kreiskalender ‘99, S. 99-110.

9 Ich verstehe „Hyperrealität“ hier in dem Sinne, wie Umberto Eco ihn in seinem Buch Über Gott und die Welt, München 1987, insbesondere in dem Abschnitt Reise ins Reich der Hyperrealität (S. 36-99) benutzt hat: Für Eco ist Hyperrealität der Versuch die Realität nach einer (zumindest teilweise erfundenen) Vergangenheit zu gestalten; ein Beispiel ist für ihn die Getty Villa bei Los Angeles. Doch auch unserer Tage lassen sich Beispiele finden, bei denen Gebäude rekonstruiert werden, um eine Vergangenheit vorzugaukeln, die es nie gab. Das vielleicht prägnanteste Beispiel ist die „Altstadt“ von Dresden rund um den Neumarkt.

10 In Dorotheas Nachlass fanden sich 15 Stand- und 21 kleinere Uhren; vgl. Brosius, S. 43.

11 Vgl. Büttner: Kreiskalender ‘99, S. 99-110 zum Schloss und zum Vorwerk: Hellmut Büttner: Das Pforthaus vorm Schloss, Teil 1: Marsch und Heide Nr. 47/2002 vom 23.11.2002 und Teil 2: Marsch und Heide Nr. 48/2002 vom 30.11.2002.

12 Zutreffend bezeichnet Gottschalk im Kreiskalender 1955 (S. 74) die Gestaltung des Schlosses durch Ecker und Krüger als „dem Stil des alten Schlosses so gut nachempfunden, daß jedermann diese Ergänzungen für Original hält.“